Sandra Rehschuh schreibt über: Vorboten des Grauens
Rezension
»Vorboten des Grauens« von Deludis und Pydoctis Payris klingt genauso spannend, wie es ist.
Diese Sammlung von (Horror-) Sagen und Legenden entstammt dem Cenarius- Verlag (www.cenarius-verlag.de).
Laut ihrer Auteorenvita sind die beiden Brüder Reisende durch Zeit und Raum – und wenn man dieses Buch gelesen hat, dann glaubt man ihnen aufs Wort!
Der Einband kommt in einem satten Rot daher – Achtung! Warnung! signalisiert es dem Leser. Und damit hat es nicht ganz Unrecht. Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven und für Leser, die kein Blut sehen können. Im Gegenteil: In dieser Sammlung geht es zum Teil recht hart ans Eingemachte, was den Gruselschock noch erhöht. Es ist gerade perfekt abgepasst, dass die Beschreibungen nicht eklig sind, aber dennoch eine Gänsehaut über den Rücken jagen lassen.
»Vorboten des Grauen« teilt sich in 4 Abschnitte: Schatten und Licht – Blutmond – Obsession – Nemesis
Jeder Abschnitt beinhaltet 4 (Nemesis 5) eigenständige Geschichten, angesiedelt zwischen der Realität und einer Fantasywelt. Manchmal verschwimmen die Grenzen auch ineinander, wie z.B. im Dorf der Verdammten.
Gefallen hat mir ebenfalls, dass es vor jeder Geschichte ein Zitat oder eine Strophe aus den Überlieferungen gibt. Das macht die Sache noch spannender und erinnert einen an ein Buch der Sagen und Legenden.
Ein Lesegenuss der besonderen Art. Fast möchte ich sagen: Stephen King war gestern, Deludis und Pydoctis Payris sind heute (ich habe schon sehr viele Bücher von King gelesen, doch nicht eines konnte mich so fesseln – was wahrscheinlich daran liegt, dass die Geschichten von ihm in Amerika spielen und das liegt weit weg. Doch die Geschichten dieses Buches, sie geschehen hier in der Nähe, oder zumindest in Europa …)
Zu den Geschichten:
Die Nacht des Jägers
In einem Dorf geht ein Wesen umher, das jeden, der es zu Gesicht bekommt, tötet. In diesem Ort, Icicshiree, nennt man es Gemm. Dem Leser wird es eher unter dem Namen „Werwolf“ bekannt sein. Ein fremder Reisender, ein Zwerg und ein Gnom stellen sich diesem Wesen in den Weg und müssen erkennen, dass es nur durch ihre Schuld zu dem geworden ist, was es ist.
Eine packende Legende, bei der man den „Zeitreisenden“ Deludis und Pydoctis Payris sofort glaubt, dass sie selbst dabei waren.
Das Schicksal von Griwar
Blutnagata, Kreuzungen zwischen Echsen und Menschen, bedrohen die Einwohner von Griwar. Es dauert nicht lange, bis dieses friedlebende Volk in Gefangenschaft gerät und unter der Schreckensherrschaft ausgebeutet wird. Bald schon kommen neue Sklaven, doch haben diese besondere Privilegien. Wird es einen Krieg unter den Gefangenen geben oder schließen sie sich letztendlich doch zusammen?
Eine wunderbare Erzählung zwischen Intrigen, Freundschaften, Hass und Hoffnung.
Entscheidung im Silbernen Hain
Zwei Botschafter des Friedens reisen in die Welt hinaus, doch dann wird eines der Herzen mit schwarzer Macht vergiftet. Der einst wohlbekannte Jüngling, der von allen geliebt wurde, wird nun zu einer blutrünstigen Bestie und findet seine Meisterin in einem wunderschönen Mädchen.
Fast schon erinnert die Geschichte an ein Märchen, doch um es zum Einschlafen zu lesen, ist es definitiv nicht geeignet.
Die Rache des Dygal-Ghor
In eine friedfertige Stadt ziehen die Agenten der „Neuen Gerechtigkeit“ ein und säen Zwietracht und Hass unter den Bewohnern. Dygal-Ghor, ein Drache, muss mitfühlen, wie seine Eltern gequält werden und sucht Zuflucht im Exil. Dort wird er von Mag-Ha, einst Priester des alten Glaubens, nun ein Flugdrache, unterrichtet. Nach Jahre kommt seine Chance, seine Eltern zu rächen und die Stadt zu befreien.
Eine der emotional bewegendsten Geschichten in diesem Buch, die mich nicht mehr losgelassen hat.
Der Strom-Mann
Eine sehr spannende Geschichte über eine kleine Hütte im Wald und verschwundenen/ ermordeten Kindergartenkindern.
Wirklich eine Geschichte, bei der man sich danach nicht mehr unter der Bettdecke hervortraut!
Tödliche Expedition
Eine archäologische Ausgrabung und eine Teilnehmerin, die es auf ganz andere Schätze abgesehen hat. Diese Geschichte geht unter die Haut. Man sollte sich in Zukunft die Leute genau anschauen, mit denen man in einem Zelt schläft.
Das Totenhaus
Ein Haus wird gebaut und dabei gibt es den ersten Todesfall. Über Jahren und Generationen hinweg fordert dieses Haus seinen Zoll …
Okay, ich hab geschluckt, denn diese Geschichte erinnerte mich an eine Begebenheit aus meinen Kindertagen. Ob die Autoren auch jenes Haus besucht haben, das ich kannte?
Diese Geschichte muss einem Angst einjagen …
Das dunkle Geheimnis von Torfbruch
Ebenfalls eine sehr spannende und sehr blutige Geschichte über das Örtchen Torfbruch. Vor hunderten Jahren löschten an dieser Stelle das Geschlecht der Baroliner die Obalier beinahe aus. Doch die Erde war nicht nur damals mit Blut getränkt. Im Gegenteil. Immer, wenn sich einer der Nachkommen der Baroliner an diesen Ort zurücktraute, floss das Blut von Neuem in Strömen.
Eine Geschichte, die durch die Zeit reist und mit jedem vergangenen Jahrhundert mehr an Schrecken gewinnt.
Der Fluch des Massúr
Johannes Börger, sechster Sohn eines Müllers, zieht hinaus in die Welt, um dort sein Glück zu suchen. Doch statt dieses zu finden, wird er selbst gefunden – von einem Dämon. Dieser ergreift Besitz von ihm und lässt ihn seinen Hunger nach Blut stillen. Dabei hat er eine besondere Gabe – er kann sich in die Körper anderer Menschen hineinstehlen. Doch dann begeht er einen schwerwiegenden Fehler …
Eine Geschichte, die direkt aus der Hölle zu kommen scheint! Man meint das Blut förmlich riechen zu können.
Das Dorf der Verdammnis
Ein Dorf, das es nicht mehr geben dürfte und Einwohner, die vor langer Zeit das Zeitliche gesegnet haben. Der Journalist Andreas macht sich auf den Weg um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Eine packende Erzählung, die an eine „Schnippseljagd“ erinnert und einem dem Atem raubt.
Vatermord
Irmana muss gegen ihren Willen den reichen Ismadu heiraten. Doch ein Leben lang sinnt sie auf Rache. Diese scheint auch mit dem Heranwachsen ihres Sohnes greifbar nahe …
Diese Geschichte erinnert mich an ein orientalisches Märchen, das auch heute noch so geschehen kann.
Die Nacht der Wahrheit
Ein frauenliebender Magier wird dazu verdammt, mit einer Hexe in einem Turm zu hausen, um das Geheimnis ihrer schwarzen Magie zu lüften. Doch dann erscheint ihm diese wunderschöne Frau im Traum und schon bald glaubt er sie in der Hexe wieder zu erkennen. Ein fataler Irrtum …
Eine böse, aber zugleich auch „lustige“ Geschichte, bei der man schadenfroh mitkichern kann, obwohl einem der arme Kerl schon beinahe leid tun kann …
Die Insel der Untoten
Ein Magier, der sich auf den Weg macht, um göttlichen Beistand zu suchen. Doch wird dies seine letzte Reise.
Eine spannende Geschichte, bei der man in den Magier hinein versetzt wird und regelrecht mit ihm leidet
Der Frevel des Zadors
Zador, ein aufrechter Krieger begeht nur einmal in seinem Leben einen Fehler und dieser kostet ihm alles.
Ein wunderschönes Märchen, das einem die Tränen in die Augen treibt. Einfch, weil es auch so traurig ist …
Der Stein des Nayhord
Zwei Zauberlehrlinge sind auserwählt, um das Königreich zu retten. Einem von ihnen winkt eine reiche Belohnung. Wer von ihnen diese bekommt, das soll das Los entscheiden. So machen sich die beiden Jungen auf den Weg und kämpfen Seite an Seite, bis die Habgier zu groß wird.
Auch dies ist eine sehr traurige Geschichte mit moralischem Hintergrund, die mir nah ans Herz gegangen ist.
Das Medaillon
Eine Werwolfsgeschichte, die in unserer Zeit spielt und deswegen unglaublich packend ist. Schauen Sie, lieber Leser, demnächst Ihrem Gegenüber genau in die Augen!
Die endlose Suche
Zwei Magier, die unsterblich sind und immer wieder begegnen. Der eine genießt sein Leben mit Raubschatzen und Morden, während der andere traurig auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens ist.
Eine extreme gegensätzliche Darstellung, was man mit seinem Leben anfangen soll. Eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt, und zugleich mit ihrem offenem Ende genug Spielraum für die eigene Fantasie lässt.





