Rezensionen: Notwendigkeit / Die alltägliche Vernunft
Buchbesprechungen
verfasst von Andrea Herrmann für die Literaturzeitschrift
'Veilchen'
Notwendigkeit (Anthologie) Hrsg. Jürgen Ludwig
NOT/WEND/DIG/KEIT/ - Die Notwendigkeit, eine Sache zu erkennen oder von der Notwendigkeit einer Sache überzeugt sein.
Dreißig ausgewählte Autor/innen haben in dieser Anthologie die Geschichten hinter dem Begriff
'Notwendigkeit' lyrisch aufgearbeitet.
Insgesamt ist es ein bedrückendes Kaleidoskop von mehr oder weniger Vermeidlichem geworden.
Vieles scheint notwendigerweise verloren zu gehen wie die Liebe oder das Leben,
aber kaum etwas notwendigerweise gut zu werden. Einzelne Autoren schreiben auch von der
'Wendigkeit in der Not'. Liebe ist eine viel besungene Notwendigkeit, aber gleichzeitg auch deren Ende.
Die Unausweichlichkeit von Vielem stellen die Autoren zu Recht in Frage, wie Kriegsmassaker, Überwachungsstaat,
Unfälle und verschieden Formen des Schuldwerdens.
Notwendigkeiten manifestieren sich als Mauern oder in Worten, der Blick schweif in ferne Landschaft oder zum Schlüsselbein
des Liebsten, Notwendigkeiten bestehen im Abendrot und beim 'ersten Morgenblick', im Taum und im Sonnenlicht.
Diese Anthologie bewertet nicht abschließend, was notwendig ist im Leben und was nicht, oder wie man mit Notwendigkeiten umgehen soll.
Sie beschreibt das Leben, wie es ist, aus der Sicht vieler Nachdenklicher. Umfassender als jeder Lexikoneintrag oder ein einzelner Autor
beleuchtet diese Sammlung die Facetten der Notwendigkeit.
Die Vielfalt und Einzigartigkeit jedes Gedankens wird durch das abwechslungsreiche, liebevoll gestaltete Layour gerecht.
L e s e p r o b e
Schreiben (von Ernesto-Edmund Keil)
Schreiben, während die Tage
die Stunden wie Schatten fliehn
während sie zittert, die Waage
Gewichte nach unten ziehn.
Schreiben, während die Füße
dich schmerzen, der Blick sich trübt
Herz sich dir dreht am Spieße-
zu tief hast du geliebt.
Schreiben, während die Körner
verrinnen im Stundenglas
du senkst den Nacken, die Hörner
die Geier sich sammeln zum Fraß.
Schreiben, was schert dich die Wende
schreibst für ewige Zeit.
Bleibt auch nur Asche am Ende
entsteig ihr, ein Phönix befreit.
Wie zuvor (Norbert Rheindorf)
Sie spielten ein Spiel
wer wie viel
gibt in der Liebe
bis beide nur nahmen
und die Wärme
verlor
sich zwischen raffenden Herzen
jetzt dürsten
zwei Verlangen
in Einsamkeit wie zuvor
Die alltägliche Vernunft von Manuel Göpferich
Der Autor möchte mit seinen 56 Kurztexten 'die Gründlichkeit (des Verstandes) und zum Weiterdenken anregen".
Hierzu hat er offensichtlich viele unterschiedliche Quellen gelesen, in seinem kopf sortiert und weitergedacht.
Dieses Buch fasst so ziemlich alle Fragestellungen zusammen, über die die Menschheit schon nachgegrübelt hat,
ohne jedoch eine abschließende Antwort zu finden auf Fragen wie 'Was ist eine gute Tat?' oder 'Ist es gut, dass die Jugend immer rebelliert?',
'Hat die Liebe wirklich so viel Kraft, wie man ihr nachsagt?' oder 'Macht Müßiggang Sinn?'
Manuel Göpferich verordnet keine pauschalen Antworten, sondern wägt jeweils verschiedene Ansichten gegeneinander ab.
Hierzu verzichtet er weitgehend darauf, Literaturlisten zu erstellen, Statistiken zu zitieren oder zu sehr ins Detail zu gehen.
Er spricht über das Große Ganze, nicht über komplizierte, konstruierte Einzelfälle.
Gleichzeitig stellt er alle Fragen in einem weiterem Zusammenhang und spannt den Bogen von der Antike bis heute,
oder gar zurück in die Steinzeit.
Auf die Bibel nimmt er genauso Bezug wie auf die heiligen Schriften anderer Religionen.
Seine Gedankengänge besuchen alle Kontinente. So stellt dieses Buch eine ausgewogene
Synopse der Geschichte des Denkens dar. Wer vergessen hat, worüber man sich so alles den Kopf zerbrechen kann,
für den dient diese Sammlung als Fundgrube.