Rezension: Die Kronkkorken-Verschwörung von Harry Liedtke
Der Gladbecker Schriftsteller Harry Liedtke über J. B. Deluder
J.B. Deluder – Die Kronkorken-Verschwörung
Um es gleich vorweg zu sagen: J.B. Deluders Roman „Die Kronkorken-Verschwörung“ ist gewiss nicht jedermanns Sache. Dieser einschränkende Kommentar wird den Autor aber nicht ergrimmen oder gar umhauen, denn wenn etwas nach der Lektüre des 147 Seiten starken Buches deutlich wird, dann das: Everybody’s Darling hat der Verfasser mit seinem wüsten zeit-, medien- und gesellschaftskritischen Polit-Fantasymärchen nicht werden wollen. Die Zeichen stehen vielmehr auf Provokation. Attacke ist angesagt und das Mittel zum Zweck ist die vielseitige, erprobte und zielsichere Waffe der Satire.
Eine reichlich abstruse Geschichte ist es, die sich da auftut: Ein hehrer Privatdetektiv, der einst dem BND als Agent diente und den ein gehöriges Kindheitstrauma mit einer beruflich segensreichen inneren Unruhe ausgestattet hat, kommt hinter eine Geheimverschwörung, bei der es um nicht weniger geht als die Weltherrschaft. Die Großen der Republik kungeln munter mit finsteren übernatürlichen Mächten und haben in ihrer Gier nach Macht, Prestige und Profit keinerlei Skrupel, Mutter Erde dem absoluten Bösen auszuliefern. Ist der Normalbürger und -verbraucher mittels Konsumterror und Massenverblödung erst einmal mundtot und abhängig gemacht, kann seine Entrechtung und Ausbeutung beginnen. Das muss verhindert werden! Doch die üblen Schurken zu enttarnen, ist eine Sache. Sie zu bezwingen, eine völlig andere ...
Das Feindbild ist klar umrissen, Anspielungen auf die (oft verfehlte) Bundes- und Weltpolitik der letzten zwanzig Jahre gibt es im Übermaß, wichtige zeitgeschichtliche Persönlichkeiten werden genussvoll veralbert. Spaß an dieser wilden Räuberpistole dürften also vor allem politisch interessierte Leute mit Langzeitgedächtnis haben. Diese Zeitgenossen sind aber bekanntlich rar gesät, und die Grundvoraussetzungen für eine solch profunde Parodie daher eher ungünstig. Eine bedauernswerte Wesenheit von Politaffären und Unternehmensskandalen ist, dass sie aufgrund ihres inflationären Aufkommens allzu rasch der Vergessenheit anheimfallen. Es ist ergo anzunehmen, dass so manche der hier abgebildeten Personen und Geschehnisse im Volk nicht mehr präsent sind. Zahlreiche Jokes werden der breiten Masse somit unverständlich bleiben. Dazu kommt, dass sich realsatirische Elemente mit stilistischen Grundmotiven der Phantastik-Computerrollenspiele aufs Verwegenste mischen, was das Buch weiten Teilen der Leserschaft erst recht sonderlich erscheinen lassen wird.
Jenseits der Massentauglichkeit dieses modernistisch angehauchten Fairy Tales stellt sich natürlich trotzdem die Frage nach seinem Unterhaltungswert. Nun, der Fun-Faktor hängt wie schon angedeutet davon ab, ob man sich gern auf versponnene, verschrobene Texte einlässt. Wer für diese Art Schriftgut ein Faible hat, wird durchaus angenehm unterhalten. Zugegeben, es sitzt nicht jeder Gag. Doch das wäre in Anbetracht der hohen Scherzdichte auch zuviel verlangt. Alle drei Zeilen ein Lacher – so lautet die Devise des Autors. Dieses Vorhaben geht zwar in die Hose, aber es fällt gleichwohl einiges zum Prusten an. Insofern ähnelt das Werk nicht wenig den unerschöpflichen Klamotten des legendären ZAZ-Teams („Die nackte Kanone“, „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“), und das ist wahrlich nicht die schlechteste Bezugsgröße.
Die Gefahr der Moralinsäuerlichkeit ist durch die enorme Klamaukhaftigkeit weitgehend gebannt. In seinen besten Momenten weist das Buch einen staubtrockenen, lakonischen Humor auf, der der ziemlich amerikanisch-handfest wirkt. Lustig wird’s vor allem, wenn sich der Autor in Wortspielereien ergeht („der Goss der Gosse“) oder persiflierte Kultfiguren aus Film und Literatur dem Leser ihre Aufwartung machen. Manche Kalauer sind zwar furchtbar platt, aber trotzdem ulkig („Jack the Rapper“). In Sachen Clownerie und Klimbim übertreibt es J.B. Deluder indessen manchmal. Nicht jede Schnurre hätte mit rein gemusst, schon gar nicht ohnehin überstrapazierte Schabernackstereotype (wie nur mal so als Beispiel die vermeintlich typische Chinesenspracheigenheit „L statt R“). Die Entscheidung, ob es nun Chuzpe oder Unbedarftheit ist, derartige Abgedroschenheiten zu verbraten, sei aber dem Rezipienten selbst überlassen.
Das Fazit: Es ist nicht zu leugnen, das Schriebgebräu schmeckt etwas zu stark nach Kraut und Rüben. Aber es ist des ungeachtet süffig. Hat man den angerührten Pamps aus Crime, Camp, Comedy und Chaosmagie erst mal probiert, kann man irgendwie nicht mehr aufhören zu löffeln, bis schließlich am Boden des Kessels das Wörtchen „Ende“ erscheint.





