cenarius VERLAG

Manuel Goepferich - Grüne Windmühlen

Lesen Sie auch die Rezension von Andrea Herrmann!

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ISBN 978-3-940680-07-5

 

81 Seiten              € 11,00   Broschur

 

 

Aus der Reihe „Junge Autoren im cenarius Verlag“ hat Manuel Goepferich nun sein zweites Buch vorgelegt.


Begegnungen, Momentaufnahmen, Annäherungen.
Im Mittelpunkt seiner Kurzgeschichten und Erzählungen stehe Menschen,
die Veränderungen erfahren
- manchmal schmerzhaft, dan wieder voller Hoffnung und Zuversicht.
Das Leben kennt nicht nur eine Richtung.
Wie Tag und Nacht gehören Enttäuschungen
und Glücksmomente zusammen, bedingen einander.

Nach seinem sehr erfolgreichen Debüt (Die alltägliche Vernunft) hat der cenarius-Preisträger erneut
sein literarischen Talent unter Beweis gestellt.


Andrea Herrmann schreibt in der Literaturzeitschrift "Veilchen" dazu:


"Diese Anthologie enthält zehn Kurzgeschichten, fünf Schilderungen und drei längere
Erzählugen des jungen Autors Manuel Göpferich. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise
durch Landschaften und Länder Europas, von suchenden Menschen bevölkert.

Diese Menschen reisen, wandern, fahren mit dem Bus, scheinen alle noch nicht angekommen zu sein.
Gekonnt malt diese Kurzprosa dank schlüssiger Symbolik Landschaftsbilder und Stimmungen auf eine
360-Grad-Leindwand im Kopf des Lesers. Obdachlose am Bahnhof, Weiden am Bach, ein Pinienwald
oder ein Marktplatz.

Es sind lebensechte Gemälde, in denen man spazieren gehen möchte, vordergründig beschaulich,
doch Nebenbemerkungen und Ungesagtes berühren Vieles, über das nachzugrübeln sich lohnt."


Textprobe


Tessas Inspiration

Ihre Katze war ihre Inspiration. Tessa liebte Katzen über alles, sie
bewunderte die Geschicklichkeit und das Mysteriöse dieser Tiere. In
ihrem künstlerischen Schaffen spiegelte sich diese tiefe Zuneigung wider;
jedes zweite ihrer Gemälde hatte eine Katze zum Motiv. In ihrer
Einzimmerwohnung roch es nach Ölfarben, die vom beißenden Gestank
des Terpentins dominiert wurden. Ein Sammelsurium an Pinseln,
Farbtuben und Keilrahmen beanspruchte den Großteil des Wohnbe-
reiches. Außer Tessa fand sich in diesem Chaos nur ihr grau-schwarz
gestreifter Kater namens Flipper zurecht, der die Unordnung wie sein
Frauchen liebte. Flipper ließ es sich nicht nehmen, zuerst durch die zu
Boden getropften Ölkleckse und dann über die Leinwände zu tapsen.
"Wann wirst du es ihnen sagen?" Leise formulierte sie di Frage, wäh-
rend ihre Pinselstriche gröber wurden und sie schließlich von der
Staffelei zurücktrat. Bereits morgen würden ihre Eltern kommen, und
anstatt einer ordentlich arrangierten Studentenwohnung ein chaotisches
Alelier vorfinden. Sie würden eine Tochter antreffen, die sich vom lehr-
planmäßigen Studium losgesagt hatte und ihrem eigenen Leben nach-
ging. Dreimal gelang es ihr, trotz Gewissensbissen, den Termin für den
Besuch zu verschieben. Beinahe hätte sie das Wort 'unausweichlich' auf
die Leinwand geschrieben;  schmiert sich dann jedoch die blaue Farbe in
die blonde Mähne. Ihr Werk konnte sie nicht mehr fortsetzen, darum
nahm sie Flipper auf den Arm und ging in die Küche, wo sich unbezahl-
te Rechnungen, Quittungen und zerfledderte Zeitschriften stapelten.
Nunmehr schuf sie Ordnung. Weiter zu studieren schien ihr unmöglich,
waren die Gebühren doch sehr hoch und die freie Malerei ihre einzige
Einkommensquelle. Ihr aktuelles Gemälde plante sie in einer Vernissage
zu präsentieren, die angehenden Talenten der Stadt Weimar offen stand.
Melanchonisch wirkten die verwobenen, ihren Anfang wissenden und ihr
Ende suchenden Wasserfälle. Gelungen - fand sie 'Freigeist' und ihre
Initialen prangten in der rechten Bildecke. Tessa wickelte es in weiße
Tücher, dachte dabei an die Schwierigkeiten, die ihr der Transport durch
die belebten Straßen bereiten würde. Kurze Zeit später verließ sie die
Wohnung. Derweil lag ihre Post unbeachtet auf dem überfüllten
Küchentisch. Hätte sie je den Mut aufgebracht, die Kuverts zu öffnen,
hätten diese ihre Aufschluss über ihre finanzielle Lage gegeben.

Als sie zurückkehrte, ar sie so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ver-
gaß, Flippers Futternapf zu füllen. Stattdessen sah sie fern.
Am nächsten Morgen pferchte sie ihre Malutensilien in die Abstellkam-
mer. Während sie das Geschirr spülte, läutete es an der Tür - Emma kam,
um die Staffelei zu holen, ihre Freundin um Rat zu bitten. "Du wirst deinen
Eltern wohl reinen Wein einschenken müssen. Ich weiß, dass es schwie-
rig für dich wird, aber es gibt keinen anderen Weg." Emma bliebt nicht
lange, weil sie auf Katzenhaar allergisch reagierte.
Gegen Mittag erwartete Tessa die Ankunft ihrer Eltern. Innerlich bekla-
te sie sich über die kleine Wohnfläche, di für das Auf- und Abgehen
nicht geeignet war. Einen klaren Gedanken zu fassen, vermochte sie
nicht, deshalb wusch sie sich die Haare. Ihre Aufregung trieb sie dazu,
die ungeöffneten Briefe durchzusehen. Sie wollte ihren Augen nicht trau-
en, betrachtete den Umschlag von allen Seiten, denn der Absender war
das Kultusministerium. Sie rissn den Umschlag auf und überflog die
Zeilen. "Stipendium, und neunhundert Euro pro Monat." Tessa jubelte,
legte das Schreiben vor sich hin und wartete mit steigenden Herzpochen
auf die Ankunft ihrer Familie. Inzwischen schlich Flipper durch das
Wohnzimmer und hinterließ eine Spur aus zitronengelben Pfotenab-
drücken.




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