cenarius VERLAG

Besprechung: Knall auf Fall allein

von Sandra Rehschuh und Stefanie Pauke

»Knall auf Fall allein – Vom Verlassensein« ist die neue Anthologie, die gerade unter der Herausgeberschaft von Jürgen Ludwig und Julia Schunk im Cenarius Verlag (www.cenarius-verlag.de) erschienen ist.

 

In diesem Buch ist eine gelungene Mischung aus Geschichten, Erzählungen und Gedichten zu finden, die alle dasselbe Thema behandeln: Vom Verlassensein.

 

Bevor ich zum Inhalt komme, noch etwas zur Aufmachung des Buches: Das Cover in schwarz-gelb gehalten sticht aus der Menge heraus und suggeriert dem Leser, dass es in all dem Schmerz auch noch irgendwo einen Lichtstrahl gibt. Die Farben sind exzellent gewählt und auch das kleine Bildchen auf dem Cover, das einen einsamen Mann auf einer Parkbank zeigt, stimmt auf die Texte ein.

Außerdem sind im Buch zwei weitere Fotografien vorhanden, die das Thema ebenfalls sehr schön aufnehmen. Sie bilden den Anfang und das Ende des Textkörpers.

Die Überschriften sind – wie vom Cenarius Verlag gewohnt – sehr schön aufgemacht. Der Name des Autors befindet sich in einem dunklen Balken, darunter, in großen Buchstaben, der Titel des Textes. Auch die Seitenzahlen werden wieder sehr schön hervorgehoben. Hier bin ich immer wieder begeistert, wie es der Verlag schafft, selbst aus solchen „Nebensächlichkeiten“ etwas Schönes zu schaffen.

 

Zu den Geschichten:

In einer Anthologie gibt es immer wieder Geschichten, die einem mehr oder weniger gefallen. Die Mischung macht den Reiz und bis auf dezente Ausnahmen haben mir alle Geschichten sehr gut gefallen. So unterschiedlich wie die Autoren sind, so unterschiedlich ist auch deren Interpretation »Vom Verlassensein«.

Es ist ein sehr schöner Mix entstanden, den man auch gut zur Hand nehmen kann, wenn man gerade selbst in der Lage ist, um einen geliebten Menschen zu trauern. 

 

Stefanie Pauke schreibt dazu:

"Knall auf Fall allein - Vom Verlassensein", das Buch, das eigentlich den Titel "Plötzlich allein" tragen sollte.
Dieses Buch beherbergt viele Kurzgeschichten die zum Nachdenken anregen über den Tod, das Verlassen werden, den Auszug der großen Tochter und vieles mehr.
Wir alle wurden schon einmal verlassen, oder haben einen geliebten Menschen verloren und jeder kommt und kam anders mit der Situation klar, doch wie schreibt der Herausgeber im Vorwort?
Zitat:,,So unterschiedlich das Autorenteam die Thematik literarisch und inhaltlich interpretiert, so unmittelbar erfassen uns ihre Gedanken und Gefühle. Im Schmerz sind wir uns nicht mehr fremd.
Knall auf Fall."
Am meisten berührt hat mich die Geschichte von Stefanie Kißling und das nicht, weil sie eine Namensvetterin ist, sondern weil ihre Geschichte so viel ausdrückt. Ein Mann, der von seiner toten Partnerin nicht in der Vergangenheitsform sprechen kann, der sich an die Vergangenheit klammert und sie nicht loslassen möchte und sie hofft, dass er es irgendwann kann.
Es gibt natürlich noch viele andere schöne und traurige Geschichten in diesem Büchlein und auch einige, die mich nicht so sehr angesprochen haben.
Diesem Buch Sterne zu geben ist sehr schwer, da einige Autoren 5 Sterne verdient hätten und andere nur 3, demnach gibt es von mir 4 Sterne für das gesamte Buch.
 
 

 

Regina Schleheck – Ich kann ja auch gehen:

Wie man es oft von sich selbst kennt – man gerät mit seinem Lebenspartner wegen Kleinigkeiten in einen Streit. Sie die Tassen nicht abgespült, liegt irgendwo eine Socke auf dem Boden und der andere schimpft nur noch? Wie oft sagt man dann: „Ich kann ja auch gehen.“? Diese Frage greift Regina Schleheck – zum Teil unterschwellig komisch – auf. Die Geschichte ist rasant geschrieben, verliert dabei aber nichts an ihrer Tiefe. Als Leser hofft man inständig auf ein Happy End …

 

Christian Damerow – Tod eines Schmetterlings:

Ein Mann verliert die Liebe seines Lebens und verändert sich, ohne es selbst zu merken.

Die Geschichte ist ein wenig gruselig, aber von hohem literarischem Wert.

 

Stefanie Kißling – Täglich:

Die Erinnerung an einen geliebten Menschen, den man einfach nicht vergessen kann. In der Geschichte geschieht nicht viel, jedoch kommen die Gefühle, die Trauer, sehr schön aus dem Text heraus. Wirklich schön geschrieben.

 

Hans Mihur – Auf der langen Straße:

Ein Mann versucht mit dem Verlust seiner Liebe klar zukommen, stürzt dabei aber ab. Er randaliert, trinkt und hört zu laut Musik. Fragt sich: Was hat der Andere, was er nicht hat?

Sehr ausdrucksstark geschrieben.

 

Eva Schwarz – Ende eines Liebesfluges:

Eine junge Frau torkelt von einem Schiff, sucht Trost, weil ihr Freund sie verlassen hat – für seine Frau und seine Kinder, von denen sie nichts wusste. Sie läuft einem älteren Mann in die Arme. Dieser stürzt und sie begleitet ihn ins Krankenhaus, wo sie an seiner Seite bleibt.

In seiner Trauer ist man nicht allein – es gibt immer jemanden, der einen zur Seite steht, auch wenn es ein fremder Mensch ist. Diese Botschaft überbringt Eva Schwarz in ihrer Geschichte mit sehr viel Herz.

 

Nina Scholle – Kein Morgen:

Nina Scholle schreibt über traurige Nachtgedanken eines verlassenen Mannes. Gedanken, die wahrscheinlich schon jeder in seinem Leben hatte. Auf das Papier gebracht, wirken sie noch intensiver. Es macht hier nichts, dass man nicht viel über den Protagonisten erfährt.

 

Hagazussa – Zimmerrenovierung:

Eine Frau renoviert ihre Wohnung, nachdem die Tochter ausgezogen ist. Ihr Mann kommt nur am Wochenende nach Hause, so ist sie viel allein. Engel und Teufel sitzen dabei auf ihrer Schulter, reden ihr ins Gewissen, bis sie sich entschließt, ihr Leben zu ändern.

Eine sehr gefühlvolle Geschichte.

 

J.B. Deluder – Festgefroren:

Die Ehe zerbricht nach 19 Jahren. J.B. Deluder führt den Leser in die Monate danach und zeigt dabei die tiefen Abgründe einer Seele. Gänsehautfaktor!

 

Sandra Rehschuh – Zwiegespräch mit dem Mond:

Eine Frau hat alles verloren und trifft auf Gleichgesinnte.

Da es meine eigene Geschichte ist, keine weitere Wertung ;-)

 

Martina Zimmermann – Luftherz:

Eine Frau wartet auf dem Bahnhof mit einem silbernen Luftherz. Sie sieht ihren Erwählten, doch er schlendert, ohne auf sie zu achten, an ihr vorbei. So lässt sie das Luftherz platzen. Doch ist sie erleichtert? Froh? Ist das eigene Herz gebrochen?

Diese Geschichte fand ich persönlich schwierig, musste sie mehrere Male lesen und bin leider noch immer nicht ganz hinter die Botschaft gekommen.

 

Karl Plepeltis – Die Münchner Himmelfahrt:

Die Erinnerung an eine vergangene Liebe in dem bayrischen Nationalmuseum. Er kann nicht verstehen, weshalb sie ihn damals überstürzt verließ und kehrt nach 30 Jahren zurück. Was er dann sieht, damit hätte er nicht gerechnet.

Diese Geschichte hat mich sehr berührt. Sie ist sehr traurig, da sie so passiert sein kann –  und sie jedem von uns passieren kann.

 

Salina Petra Thomas – Das erste Bild:

Eine Malerin kann nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr zeichnen. Erst nach 30 Jahren spürt sie ihn wieder, hält dann seine „Seele“ fest. Nach diesem Erlebnis kann sie malen, wie vor langer Zeit.

Sehr ausdrucksstarke Geschichte, bei der man mit leidet.

 

Denise Maurer – Schnittstelle:

Eine Frau trennt sich von ihrem Mann. Er darf weiterhin sein Kind besuchen, es mit zu sich nehmen. Doch eines Tages bringt er sich und das Kind um.

Der Text spiegelt sehr gut Verwirrung und Leid wider. Weitere Worte fehlen mir – man muss ihn selbst gelesen haben.

 

Anke Kopietz – Jetzt erst recht:

Gedicht; Nachdem alles verloren scheint und man meint, die Hoffnung sei gestorben, den Mut zu finden: „Jetzt erst recht“ zu sagen.

Sehr flüssig geschrieben, und mit Momenten, in denen man innehalten kann, um die Worte auf der Zunge zergehen zu lassen. 

 

Gudrun Reimers – Wach werden:

Gedicht; Wie schafft man es, aus dem Alptraum der Einsamkeit aufzuwachen?

Sehr schöne Wortspiele.

 

Alayna A. Groß – Einsamkeit:

Gedicht; Obwohl wir alle zusammen sind, ist doch jeder für sich.

Eine Spiegelung der Realität auf hohem Niveau.

 

Alayna A. Groß – Der Weg:

Gedicht; Auch wenn alles ausweglos erscheint, sollte man doch nach vorn gehen.

Ein Gedicht, das Mut macht.

 

Linda Koeberl – Echo der Schuld:

Ein Mann verlässt seine Familie und sucht Vergebung bei seiner Tochter.

Eine Geschichte, wie aus dem Leben gegriffen. Wenn sie auch recht kurz ist, so kann sich der Leser wunderbar in den Protagonisten einfühlen.

 

Hans Brakhage – Das ist ein schöner Tag:

Eine lange Geschichte über ein außergewöhnliches Ehepaar, das alles gemeinsam macht – selbst das Sterben.

Ohne Umschweife: Die allerbeste Geschichte dieses Buches. Man muss sie einfach lesen.

 

Andrea Hoch – Illusionen:

Eine Frau trifft auf ihre Jugendliebe. Wie soll sie sich verhalten? Brodeln noch Gefühle für ihn? Doch sie muss lernen, dass alles seinen Sinn im Leben hat und Träume oftmals wie Seifenblasen zerplatzen.

Eine schöne Geschichte um die wirren der Gefühle.

 

Shayariel – Ich geh dann mal:

Abfassung des Lebens einer Frau/ eines Pärchens. Die Geschichte beginnt euphorisch vor der Zeugung des ersten Kindes und endet bei der (unbemerkten) Trennung nach dem vierten.

Dem Text wohnt ein gewisser Witz inne, kann aber für manchen schwer zu lesen sein, da er sehr (fast schon übertrieben) viele Fachbegriffe und Fremdwörter enthält.

 

J.H. Schwarz – Der Mann im Mond:

Die phantastische Geschichte des Mannes im Mond.
Ebenfalls eine der besten Geschichten in der Anthologie. Sie lädt zum Träumen ein und ist zugleich sehr traurig. Der Autor lässt den Leser an der Gefühlswelt teilhaben.

 

Christiane Röper – Blaue Schnecken:

Die Eltern trennen sich und das Mädchen Laura verliert somit seine Mutter und ihre Halbschwester.

Die Geschichte ist aus der Sicht des Kindes geschrieben, und irgendwie … poetisch.

 

Alayna A. Groß – Odem:

Gedicht; sehr klangvoll und rund.

 

Linda Koeberl – Ordne deine Sterne neu:

Ein Mann verleibt sich und seine neue Freundin wird schwanger. Doch sie hat noch einen festen Lebenspartner. Er wartet auf sie, wartet, wann sie sich endlich von ihm trennt. Mittlerweile ist seine Tochter geboren und er erfährt, dass seine Freundin den anderen Mann geheiratet hat.

Die Geschichte ist sehr nüchtern geschrieben, dennoch sehr ergreifend.

 

Andrea Hoch – Vorbei:

Das Treffen – ein Jahr nach der Trennung. Sie war damals schwanger gewesen, er wollte eine Abtreibung. Doch das Kind ist geboren, und er sehr schockiert.

Bis hierhin hat mir die Geschichte sehr gut gefallen. Zum Schluss kommt noch eine Rückblende, was vor einem Jahr geschehen war. Leider war mir diese einen Tick zu sachlich.

Dennoch einen schöne Geschichte.

 

Karl Plepelits – Ich aber liege allein:

Eine verhängnisvolle Reise, zwei Frauen, ein Mann.

Sehr komplex und geschrieben wie ein griechisches Heldenepos. Sehr gut!

 

Nina Scholle – Wintermond:

Er steht trauernd am Krankenbett, erinnert sich an das Kennenlernen mit ihr. Sie stirbt.

Die Geschichte zaubert Bilder in den Kopf des Lesers. Sehr ausdrucksstark geschrieben.

 

Jürgen Ludwig – Das Treffen im `Walker`:

Ein Mann spannt unwissentlich die Freundin seines  Freundes aus.

Die Geschichte ist ein typischer „Ludwig“. Rund und weich wie Butter geschrieben. Ich bin immer wieder von seinen Geschichten begeistert. Perfekt!

 

Harry Michael Liedtke – Problemzonentarif:

Die Frau hat ihn verlassen, er lässt sich gehen. Sie war die Liebe seines Lebens, wunderschön, mit einem winzigen Manko, das sie sich auf seine Kosten hat operieren lassen. Doch dann hebt sie ab - um tief zu fallen.

Es kommt nicht auf Äußerlichkeiten an. Diese Botschaft überbringt Harry Michael Liedtke in seinem Text mit einem unterschwelligen Humor. Sehr schön!

 

Regina Schleheck – Himmel in Flammen:

Ein Mann verfolgt seine Freundin, für die er sich verschuldet hat. Doch sie hat nichts Besseres zu tun, als ihn zu betrügen. Auf der Autobahn kommt es zu einem verhängnisvollen Unfall.

Eine geniale Geschichte, bei der einem selbst der Schweiß auf der Stirn steht.

 

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